Die Daten machen deutlich: Sucht ist heute eine der Kinderkrankheiten. Aber sie beginnt nicht über Nacht, sagt Gerhard Bühringer vom Institut für Therapieforschung in München." Vorsorge, so der Forscher, müsse schon in der Schwangerschaft beginnen. "Es ist ein Kunstfehler, wenn Gynäkologen Schwangere nicht nach dem Konsum von Nikotin, Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen fragen", so Bühringer. Denn zu den Faktoren, die den ersten Drogenkonsum begünstigten, gehöre eine familiäre Disposition, die sich im Umgang der Eltern mit psychotropen Stoffen äußere.
Außerdem müssten die Kinderärzte bei den Vorsorgeuntersuchungen stärker auf Verhaltensauffälligkeiten achten. Diese sind oft Vorboten einer Drogenkarriere. "Was zum Substanzmissbrauch führt, ist ein kompliziertes Wechselspiel zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, familiären Belastungen, Lebensereignissen und der Verfügbarkeit von Drogen", erläutert Wittchen. Drogen verstärken häufig psychische Störungen, zum Beispiel den Hang zu Aggression oder zu ständiger Niedergeschlagenheit. Umgekehrt können aber auch Depressionen den Weg in die Sucht bahnen, schrieb der Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Remschmidt von der Universität Marburg kürzlich in einem viel diskutierten Artikel im "Deutschen ärzteblatt".
Sexueller Missbrauch, abweisendes Verhalten der Eltern, aber auch inkonsequente Erziehung machen die Jugendlichen nach Ansicht von Remschmidt anfällig für Verhaltensauffälligkeiten und späteren Drogenmissbrauch. Sozial gestörte Kinder haben zum Beispiel eine geringe Frustrationstoleranz und sind leicht reizbar. Auch starke Belohnungsabhängigkeit und ein sehr ausgeprägtes Neugierverhalten sind Risikofaktoren für eine Drogensucht.
"Allerdings erklären diese allgemeinen Merkmale nicht, warum der eine bei Nikotin bleibt, der andere zu viel trinkt und ein Dritter sich Drogen spritzt", sagt Wittchen: "Es gibt Faktoren, die den Übergang etwa vom ersten Probieren zum wiederholten Gebrauch einer Droge fördern." Ein Beispiel ist Angst. Sie erhöht zwar die Schwelle, eine Droge zu probieren, erleichtert aber den übergang vom einmaligen zum häufigen Konsum. Etwa dann, wenn die Substanz Angst löst – zum Beispiel Alkohol. Stadien- und substanzspezifische Risikofaktoren herauszufinden sei wichtig für eine gute Prävention, so Wittchen. "Eine Vorsorge auf der Basis allgemeiner Risiken ist schwer umzusetzen, und das dürfte ein Grund sein, warum die bisherigen Bemühungen wenig Erfolg hatten."
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