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Panikmache über Flugblätter

Flugblätter und Mund-zu-Mund-Propaganda zu Blue Star, Window Pane, Rote Pyramide und anderen ominösen, angeblich drogenhaltigen Artikeln wie Klebe- und Abziehbildchen verunsichern Eltern, Schüler und Lehrer in den alten wie den neuen Bundesländern gleichermaßen. Wie immer in solchen Fällen, ist es die Vermischung von Wahrheiten. Halb- und Unwahrheiten, die Produkte dieser Art so gefährlich machen. Flugblätter mit irreführendem Inhalt, in der Regel ohne Absender/Einrichtung, sind in den letzten Jahren bereits an Schulen im Raum Berlin, in Nürnberg, Hof, Chemnitz, Zwickau, Annaberg, Flöha, Würzburg, Koblenz und in anderen Städten in reißerischer Aufmachung aufgetaucht und haben z. T. zu Panikreaktionen geführt. Als Beispiel der Text eines dieser Flugblätter:

Zitat Beginn
WICHTIG: Drogengefahr für Kinder
“Diese Warnung wurde von der Waadländischen Polizei, Abteilung Drogenfahndung, an jeden Haushalt in der Schweiz verteilt. Die New Yorker Polizei warnt vor einer neuen Drogenform, welche jetzt Kindern offeriert wird. Diese Artikel befinden sich in der Schweiz bereits im Umlauf. Eine Art “Tätowierung”, genannt BLUE STAR, wird jetzt in Amerika angeboten. Es handelt sich um ein kleines weißes Papier mit blauen Sternchen. Jeder Stern ist mit dem Rauschgift LSD getränkt. Und kann durch den Mund absorbiert werden. Das LSD geht aber auch direkt durch die Haut, indem man das Papier in der Hand hält.
Es gibt auch Klebebilder in bunten Farben, die wie Briefmarken aussehen. Diese Bilder sind oft mit Superman, Schmetterlingen, Disney-Figuren und vielen anderen bedruckt. Die Marken sind in Alu-Folie verpackt und befinden sich in Kartonschächtelchen. All diese Artikel dienen nur dazu, Kinder drogenabhängig zu machen. Solche Kleber, Marken, Bildchen und Tätowierungen werden nun von Jugendlichen und größeren Kindern an kleinere verschenkt. Erwachsene Drogendealer geben die “Geschenke” gratis an Kinder ab, um neue “Kunden” heranzuziehen. Im Umlauf befinden sich noch weitere Artikel mit gleichem Zweck:
- Eine Marke mit dem Namen “ROTE PYRAMIDE”, winzige, bunte Körner zum Schlecken,
- eine Marke mit dem Namen “Window Pane” mit gezeichnetem Gitter.
Dieses Gitter kann ausgeschnitten und mit dem Mund absorbiert werden. Das LSD zieht aber auch bereits beim In-der-Hand-halten in die Haut ein.
Alle diese Marken und Körner sind mit DROGEN vollgesogen. Bitte informieren Sie Ihre Kinder über diese neue Drogengefahr.
Wenn Sie oder Ihre Kinder einem dieser Artikel begegnen, so berühren Sie ihn nicht, sondern benachrichtigen Sie die Polizei! Diese Droge wirkt rasch und enthält manchmal Strychnin.
Die Vergiftungssymptome sind: Halluzinationen, Erbrechen, schwankende Körpertemperaturen und Kopfschmerzen. Beim Auftreten dieser Symptome fahren Sie bitte sofort ins Krankenhaus und unterrichten Sie das Personal über Ihre Beobachtungen. Benachrichtigen Sie unverzüglich die Polizei! Bitte kopieren und an möglichst viele Bürger verteilen.

Zitat Ende

Zu den im Flugblatt enthaltenen Angaben ist zu bemerken:
RICHTIG IST, dass

- LSD (hier gemeint das für Drogenzwecke üblich weinsaure Salz, das Tartrat) wasserlöslich ist und in dieser Form auch zur Herstellung der “Paper Trips” eingesetzt wird. Wässrige LSD-Lösungen sind nicht haltbar und lichtempfindlich.
- LSD bereits seit Jahren auf saugfähigem Träger (Papier, Vliese) auf der Szene angeboten wird.
- LSD über den Mund aufgenommen, also auch aus Papier “ausgesaugt” werden kann.
- LSD zu Halluzinationen führt (Farben/Töne/Bilder); sogenannte “psychodelische Droge”.
Im Sachbuch RAUSCHGIFT-SZENE-JARGON von A_Z (Harfst Verlag, Würzburg 1991) ist zum Thema LSD u.a. folgendes aufgeführt:
“LSD-Lösungen auf Zuckerwürfel, Löschpapier oder Filzstückchen getropft und LSD als Tabletten, Kapseln, Mini- und Mikrotrips sind heute schon fast nicht mehr “in”. Winzige bunte Papiertrips mit weltberühmten Figuren aus der Kindertraumwelt oder dem “Monster” E.T. aus dem All sehen z. T. kleinen Briefmarken zum Verwechseln ähnlich. Die Erfindungsgabe der Hersteller kennt keine Grenzen. So wechseln die in Form von Ornamenten, Figuren und Symbolen auf den Markt erscheinenden Trips häufig; selbst als Puzzle getarnt sind sie schon zu haben.”

FALSCH IST, dass
- LSD über die Haut aufgenommen werden kann. Es ist nicht fettlöslich (“lipophil”). Das Anfassen solcher Papier-Bildchen führt in keiner Form zur Aufnahme der Droge und ist ungefährlich!
- LSD und seine szeneüblichen Zubereitungen das hochgiftige Strychnin (ein Krampfgift) enthalten. Die Strychnin-Diskussion taucht im Zusammenhang mit Drogen immer wieder auf, basierend auf dem in Heroin aus Südostasien in wenigen Fällen in Konzentrationen unter 1 % gefundenem Strychnin. Strychnin hat in geringen Konzentrationen eine atemanregende Wirkung, wurde darum früher in der Medizin eingesetzt (natürlich auch im alten China) und soll der atemdepressiven Wirkung von Heroin entgegen wirken, damit der Junkie mehr Heroin fixen kann. Außerdem lässt sich bei der geringen LSD-Dosierung (50 – 100 Mikrogramm/Trip) eine für Kinder gefährliche Strychnindosis von mehr als 5 Milligramm (Faktor 1:1000!) nicht auf dem Trip unterbringen!
- Klebe- und Abziehbildchen LSD enthalten, da es wasserlöslich ist und auf Plaste und ähnlichem Untergrund nicht haftet.
- LSD Erbrechen, Kopfschmerzen und Störungen der Körpertemperatur bewirkt. Letzteres (starke Erhöhung) ist z.B. typisch für XTC.

Das “Flugblattproblem” ist nicht neu. Nach analogen Horroraktionen in den USA, der Schweiz, den Niederlanden und anderen Ländern tauchten derartige Meldungen, soweit zurückzuverfolgen, wahrscheinlich 1988 erstmals in Deutschland auf. Bisher hat sich bei Überprüfungen durch Polizei, Zollfahndung und Drogenberatungsstellen stets herausgestellt, dass entweder derartige Bildchen nicht existiert oder vorgewiesene keine Drogen enthalten haben.
Für den Umlauf derartiger Flugblätter sind wahrscheinlich zum einen an der Verbreitung von LSD interessierende Kreise verantwortlich zu machen (Interesse an der Droge wecken) oder gutgläubige, aber wenig informierte Bürger lassen sich unter dem Deckmantel der Drogenprävention zur Veröffentlichung solcher Fehlinformationen Missbrauchen.

HINWEIS: Beim Auftauchen solcher Flugblätter, vermutlicher Drogen/Substanzen oder Utensilien sollten sich Schüler an Eltern und Lehrer, diese und die Schüler aber auch an die örtlichen Beratungsstellen bzw. die Rauschgiftaufklärungsgruppen (RAG) der Polizei oder die Drogenberatungsstellen wenden und die Flugblätter mitbringen.

Nicht weitergeben!